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📚 Artikel-Serie: Mikronährstoffe & Hormone ← Statine, Antibiotika, Antidepressiva & Co.   |   Gehirn, ADHS & Hormone →

In meinem letzten Blogpost ging es um die „klassischen“ Wechselwirkungen — Statine, PPIs, Antibiotika und Co. Das Thema unerkannte Schildrüsenunterfunktion taucht bei mir mindestens genauso häufig in der Praxis und im Unterricht für Heilpraktiker für Psychotherapie am Forum Gilching auf. Ich begegne dabei — vor allem bei Frauen — einer Menge Frustration. Frustration, die ich nur zu gut verstehe.

Es ist immer wieder ähnlich: Jemand kommt zu mir, ist erschöpft, schleppt sich durch den Tag. Der Arzt sagt: depressiv, vielleicht Burnout. Vielleicht auch beides — aber in der Anamnese taucht dann auf: Mutter oder Vater hatten Schilddrüsenprobleme. Oder: Sie selbst hatte früher eine Schilddrüsenerkrankung — „aber das sei jetzt alles ok.“ Auf Nachfrage: Es wurde zuletzt nur der TSH gemessen. Kein Sonogramm. Kein fT3. Kein fT4. Und der Arzt wollte nicht weiter untersuchen.

Manchmal erlebe ich dies auch bei Hashimoto: Die Werte werden ignoriert — obwohl sich die Klientin „grottig“ fühlt. Dass das auf die Psyche schlägt, ist ein No-Brainer. Und trotzdem landet man dann bei mir — und nicht beim Endokrinologen.

Dieser Artikel ist kein medizinischer Rat und ersetzt keine ärztliche Diagnose — ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie, keine Ärztin. Er ist eine Zusammenfassung von Informationen, die ich über Jahre zusammengetragen habe, um dich zu ermutigen, auch diesen Teil deiner Gesundheit aktiv anzugehen. Wer sucht, der findet — und manchmal braucht man nur die richtigen Fragen.

Ich freue mich über Kommentare und Erfahrungen — schreib mir gern unten.

Kurze Grundlagen: TSH, T4 und T3

TSH steht für Thyroidea-stimulierendes Hormon — das Hormon, das die Schilddrüse stimuliert. Es wird in der Hirnanhangsdrüse gebildet und bewirkt an der Schilddrüse eine vermehrte Produktion der Schilddrüsenhormone T3 (Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin).

Der TSH-Spiegel gehört zur Standarddiagnostik — aber hier liegt der Haken: Er sagt nur aus, wieviel die Hirnanhangsdrüse ausschüttet — aber nicht, wieviel „unten“ ankommt, oder was auf den weiteren „Wegen“ passiert (bildlich gesprochen).

Viel aussagekräftiger sind deshalb die aktiven, nicht an Eiweiße gebundenen Schilddrüsenhormone fT3 (freies Trijodthyronin) und fT4 (freies Thyroxin) im Blut. Nur diese freien Anteile können in die Körperzellen eindringen und dort wirken.

Was ich deshalb immer empfehle anzufragen: fT3, fT4 und TSH — und das Verhältnis von fT4 zu fT3. Bei Verdacht auch reverse T3 (rT3) und Antikörper (Entzündung, Hashimoto) messen lassen. Und immer um eine Schilddrüsensonographie bitten — denn Abtasten allein reicht nicht. Einer meiner Ausbilder sagte es treffend: „Den Arzt müssen Sie mir zeigen, der kleinere Knoten im Inneren der Schilddrüse tasten kann“. Zum Reinschauen braucht man das richtige Werkzeug.


Warum T4 allein oft nicht reicht — und wie ich das selbst erfahren habe

Die meisten Menschen, die ein Schilddrüsenmedikament bekommen, bekommen L-Thyroxin — also reines T4. Die Idee dahinter: Der Körper wandelt T4 selbst in T3 um — und T3 ist das eigentlich wirksame Hormon. Dazu benötigt man jedoch die richtigen Cofaktoren (mehr dazu unten). Fehlen diese, stockt die Umwandlung.

Es gibt auch T4/T3-Kombipräparate wie Novothyral, die das aktive Hormon bereits direkt enthalten — sie werden aber deutlich seltener verschrieben und sind leider wenig bekannt. Für einen isolierten T3-Mangel gibt es außerdem T3-Tropfen oder -Kapseln, die z.B. von der Klösterl-Apotheke in München hergestellt werden.

Studien zeigen: 5–15% aller Hypothyreose-Patientinnen haben anhaltende Symptome — obwohl ihr TSH unter Levothyroxin normal ist. Häufigste Beschwerden: Erschöpfung (80–90%), Gewichtsprobleme (70–75%), Gedächtnis (60–80%), Stimmung (40–50%). Eine T4/T3-Kombinationstherapie kann in diesen Fällen einen echten Unterschied machen — wird aber noch viel zu selten in Betracht gezogen. (Wiersinga et al., Endocrinology & Metabolism, 2021)

Das Problem: Menschen mit chronischen Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen, einem Gendefekt oder in der Menopause haben oft Probleme mit genau dieser Konversion. Das T4 ist dann deutlich höher als T3 — aber die Umwandlung funktioniert nicht wie sie sollte.

Das ist ein Zustand, den ich aus meiner eigenen Geschichte kenne. Ab Beginn meiner Perimenopause hatte ich Symptome, die auf eine Schilddrüsenunterfunktion hindeuteten — die Werte waren lt. Arzt aber normal. Selen, Jod, Zink, L-Tyrosin: nichts half dauerhaft. Niedrig dosiert T4 brachte Erleichterung — die bleierne Müdigkeit ließ nach, der Hirnnebel wurde besser. Aber es hielt nie lange an.

Was mir nicht aus dem Kopf ging: Da wird etwas nicht richtig verwertet. Kennst du das?

Ich lag richtig. Es hat einen sehr erfahrenen Mediziner gebraucht, der erkannte, dass zwar meine fT4-Werte stimmten, aber hinten nicht genug fT3 herauskam. Das Verhältnis stimmte nicht. Ich habe tatsächlich eine Umwandlungsstörung — ein Gentest hat das inzwischen bestätigt. Auf die Idee zu testen kam ich selbst — kein Arzt.

🧬 Peer-reviewed Studie — Journal of Clinical Investigation, 2018 · University of Chicago

Forscher um Thyreologe Antonio Bianco (University of Chicago) haben gezeigt: Eine häufige genetische Variante im Enzym Typ-2-Dejodase — das sogenannte Thr92Ala-DIO2-Polymorphismus — betrifft schätzungsweise 15–20% der Bevölkerung. Bei diesen Menschen ist das Enzym fehlgefaltet und weniger aktiv. Die Folge: T4 wird in bestimmten Geweben — vor allem im Gehirn — nicht ausreichend in T3 umgewandelt. Die Blutwerte (inkl. TSH) können dabei völlig normal aussehen.

In Mäusen mit dieser Variante zeigten sich deutliche Hypothyreose-Muster im Gehirn: mehr Schlaf, wenig Antrieb, Gedächtnisprobleme — obwohl die Blutwerte unauffällig waren. Behandlung mit T3 normalisierte diese Symptome. Die Autoren fordern, die Therapie stärker am genetischen Profil der Patientinnen auszurichten.

→ UChicago Medicine (2018) · Bianco et al., Journal of Clinical Investigation, DOI: 10.1172/JCI123176

Das ist kein Einzelfall. Es passiert häufig und bleibt unentdeckt: Im Standardlabor wird meist nur TSH gemessen. fT3, fT4 und Hashimoto-Antikörper werden nur bei starkem Verdacht bestimmt. Eine Konversionsstörung zu erkennen und zu behandeln gehört außerdem leider nicht zur Standardausbildung.

Sind die Werte da, aber noch innerhalb der — inzwischen weit gefassten — Grenzen, sagt ein Arzt meist: „Ist doch alles normal.“ Lass dich damit bitte nicht abspeisen. Und bitte, sammle Deine Blutwerte — Du weißt nie, wofür Du sie mal brauchst.


Was „sich schlecht fühlen“ bei niedrigem T3 konkret bedeutet

T3 ist das eigentlich wirksame Schilddrüsenhormon: es löst in der Zelle ein deutlich stärkeres Signal aus als T4 und steuert eine Vielzahl von Stoffwechselvorgängen.

Typische Symptome eines zu niedrigen T3, z.B. im Rahmen einer T3-Umwandlungsstörung (bei normalem o. nur leicht auffälligem TSH und fT4) sind:

Dauermüdigkeit trotz ausreichend Schlaf
Kälteintoleranz, kalte Hände und Füße
Gewichtszunahme ohne Ernährungsänderung
Haarausfall
Verstopfung
Verlangsamtes Denken, Wortfindungsstörungen
Depressive Verstimmungen, Antriebslosigkeit
Herzrhythmusstörungen
Trockene, blasse, kühle Haut
Ödeme (besonders Myxödeme)
Muskelschwäche und -schmerzen, Gelenkschmerzen

Selbstverständlich sollten mögliche andere Ursachen immer differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden, wenn diese Symptome auftreten.


T3 und das Herz — ein unterschätzter Zusammenhang

Das Herz reagiert auf T3-Mangel oft früher als man denkt — und auf eine Art, die Angst macht.

Eine Freundin von mir bekam plötzlich Extrasystolen — Herzstolpern, das gefühlt aus dem Nichts auftauchte. Kein bekanntes Herzproblem, keine offensichtliche Ursache. Was sich nach der selbst angeregten Untersuchung herausstellte: ihr fT3 war zu niedrig. fT4 war borderline normal — TSH auch. Aber in der Vergangenheit hatte sie eine Schilddrüsenfunktion.

Seit ich das erlebt habe, frage ich bei Herzstolpern in der Anamnese immer auch nach der Schilddrüse.

Was passiert beim Herz bei T3-Mangel? Typischerweise schlägt es langsamer und schwächer — das erklärt die Schwere und Erschöpfung, die viele kennen. Gleichzeitig kann T3-Mangel die elektrische Stabilität des Herzens stören: Die Zellen reagieren unregelmäßig auf Impulse. Das Ergebnis sind Extrasystolen — obwohl die Grundfrequenz eher niedrig ist. Also: die Frequenz geht eher runter, der Rhythmus kann schwanken.

T3 ist direkt an der Herzfunktion beteiligt — als sog. Steuerungsgröße. Die Aktivität von T3 am kardiovaskulären System ist in etwa drei- bis fünfmal höher als die des T4. Niedrige fT3-Werte sind bei Herzinsuffizienz mit einer deutlich schlechteren Prognose assoziiert.

Auch subklinische Hypothyreose steht inzwischen unter dem Verdacht, die Entstehung und den Verlauf kardiovaskulärer Erkrankungen zu begünstigen. (Frontiers in Cardiovascular Medicine, 2025, DOI: 10.3389/fcvm.2025.1527271)

Herzstolpern — was steckt dahinter?

Herzstolpern hat viele mögliche körperliche aber auch psychische Ursachen — und verdient immer eine sorgfältige Evaluation. Typische Fragen: Wie geht es dir gerade im Leben? Was belastet dich? Wie schläfst du? Nimmst du Mikronährstoffe oder Medikamente (Nebenwirkungen!?)? Warst Du schon beim Kardiologen? Und: Wurde deine Schilddrüse vollständig untersucht, oder nur der TSH?

Was dabei herauskommt, nehme ich als Grundlage — und schicke die Person dann mit konkreten Fragen zurück zum Arzt oder Facharzt. Ich bin in diesem Prozess so etwas wie ein Spürhund. Ich helfe Dir die richtigen Fragen zu stellen — untersuchen tut dies dann (hoffentlich) der Arzt. Sollte er/sie dies nicht tun, sollte man sich m.E. eine Zweitmeinung einholen.

Wichtig: Neu aufgetretene Herzrhythmusstörungen sollten immer kardiologisch abgeklärt werden. Dieser Abschnitt ersetzt keine ärztliche Diagnose.

T3, Immunfunktion und chronische Erkrankungen

T3 wird für die Reifung und Funktion von Immunzellen benötigt — insbesondere für die Proliferation von Lymphozyten, die Funktion von T-Zellen und die Zytokinproduktion. Unser Immunsystem ist also dringend auf T3 angewiesen, um zu funktionieren!

Bei einer schweren Erkrankung drosselt der Körper die T4→T3-Konversion aktiv — das ist das sogenannte Low-T3-Syndrom. TSH und T4 können dabei noch völlig normal aussehen.

Wer mit einer chronischen Erkrankung kämpft und gleichzeitig ein niedrig-normales fT3 hat, kämpft auf zwei Ebenen gleichzeitig: Die Erkrankung belastet das Immunsystem — und der T3-Mangel macht es schwerer, dagegen anzukommen.

Das ist erschöpfend, es bleibt oft unsichtbar, und es könnte sehr leicht behoben werden.

ME/CFS und Low-T3 — was die Forschung zeigt

Besonders deutlich zeigt sich das bei ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom). Menschen mit ME/CFS haben häufig normale TSH-Werte — und bekommen daher zu hören, die Schilddrüse sei in Ordnung. Was dabei meist nicht gemessen wird: das fT3.

🔬 Peer-reviewed Studie — Frontiers in Endocrinology, 2018

Eine kontrollierte Studie der Universität Groningen (Ruiz-Núñez et al., n=197) verglich 98 ME/CFS-Patienten mit 99 gesunden Kontrollpersonen. Das Ergebnis war eindeutig: Trotz normalem TSH hatten die ME/CFS-Patienten signifikant niedrigere fT3-Werte, geringere Dejodase-Aktivität — und deutlich erhöhtes reverses T3. Der Körper wandelte T4 bevorzugt in das inaktive rT3 um, statt in aktives T3.

Das Low-T3-Syndrom trat bei ME/CFS-Patienten mehr als doppelt so häufig auf wie in der gesunden Vergleichsgruppe (OR 2,56). Die Autoren vermuten einen hypometabolischen Zustand als mögliche Grundlage der Erkrankung.

Ein klinischer Review nennt die Kombination aus Selen und T3 als mögliche Behandlungsoption (Shepherd et al., J Clin Med, 2024, DOI: 10.3390/jcm13020325). Kontrollierte Studien stehen noch aus.

→ Ruiz-Núñez B. et al. (2018): Frontiers in Endocrinology. DOI: 10.3389/fendo.2018.00097

Was das für die Praxis bedeutet: Ein Arzt, der das Low-T3-Syndrom nicht kennt, sieht normale TSH-Werte — und sucht die Ursache woanders. Dabei könnte gerade das Optimieren des T3-Spiegels für manche Betroffenen einen echten Unterschied bedeuten — auch wenn das immer ärztlich begleitet werden muss.


T3, die Leber und der Entgiftungsstoffwechsel

Die Leber ist der zentrale Ort, an dem T4 in das aktive T3 umgewandelt wird — und gleichzeitig der Ort, an dem alle Schilddrüsenhormone durch sog. Glucuronidierung und Sulfatierung abgebaut und ausgeschieden werden.

Eine funktionierende Leber braucht gutes T3, und gutes T3 braucht eine funktionierende Leber. Die zwei hängen also voneinander ab. Funktioniert eins nicht mehr, wird auch die andere Seite geschwächt.

Bei einer Hypothyreose oder T3-Umwandlungsstörung verlangsamt sich der gesamte Leberstoffwechsel — das ist gut dokumentiert.

Die Folge ist dann (meist): Die Verstoffwechselung von Fremdstoffen, Hormonen und Abbauprodukten läuft langsamer. Betroffene reagieren oft empfindlicher auf Medikamente, Alkohol und Chemikalien. Die Entgiftung funktioniert nicht mehr richtig.

In so einem Zustand sollte bitte auf keinen Fall eine Entgiftungskur gemacht werden. Das geht schnell nach hinten los. Zuerst muss unser Körper wenigstens die wichtigsten verfügbaren „Funktionen“ zur Verfügung stehen haben. Sonst vergiftet man sich (umgangssprachlich ausgedrückt), weil die Giftstoffe nicht entsorgt werden können.


Was die T4→T3-Konversion behindert — und was sie unterstützt

⛔ Hemmt die Konversion

  • Chronischer Stress & hoher Cortisol
  • Chronische Entzündungen
  • Leberbelastung
  • Insulinresistenz
  • Selenmangel
  • Eisenmangel
  • Zinkmangel
  • Betablocker
  • Kortison
  • Amiodaron
  • Erhöhtes reverses T3 (rT3)

✅ Unterstützt die Konversion

  • Selen (direkt für Dejodinasen)
  • Zink
  • Eisen
  • Vitamin D
  • Ausreichend Schlaf
  • Stressreduktion

Warum es manchmal so schwer ist, eine vollständige Diagnostik zu bekommen

fT3 und fT4 sind technisch gesehen GKV-Leistungen — wenn eine Indikation vorliegt. Trotzdem werden sie von manchen Hausärzten als IGeL (Selbstzahlerleistung) abgerechnet. Nach Einschätzung von Schilddrüsenexpert:innen ist das rechtlich nicht korrekt, wenn der Verdacht begründet ist. Aber: Recht haben und Recht bekommen sind bekanntlich zweierlei Dinge.

Was viele nicht wissen: Hausarztpraxen haben ein Regelleistungsvolumen — also ein Budget, das ihnen die Krankenkasse pro Quartal für Laborleistungen zuweist. Ist dieses Budget ausgeschöpft, muss der Arzt weitergehende Tests aus eigener Tasche zahlen. Das erklärt manches Abblocken — es ist nicht immer Desinteresse, sondern manchmal schlicht Budgetdruck. Es lohnt sich also, freundlich aber direkt nachzufragen: „Liegt das am Budget, oder sehen Sie keine Indikation?“ Das öffnet oft ein anderes Gespräch.

Erschwerend kommt hinzu: Die aktuelle DEGAM S2k-Leitlinie „Erhöhter TSH-Wert in der Hausarztpraxis“ (2024) ist auf erhöhte TSH-Werte ausgerichtet. Für den Fall eines normalen TSH bei Verdacht auf Konversionsstörung gibt es bislang keine eigene deutsche Leitlinie — das ist eine Lücke, die Betroffene zu spüren bekommen.

Endokrinologen und Schilddrüsenspezialisten haben mehr Spielraum für ein vollständiges Panel — und kennen das Thema Konversionsstörung oft besser. Wer Symptome hat, obwohl der TSH „normal“ ist, oder wessen Medikament nicht richtig wirkt: Bitte den Weg zum Facharzt nicht scheuen.

Und wenn nötig: Krönchen richten, weiterziehen.

Wichtiger Hinweis zu Biotin: Hochdosiertes Biotin kann Schilddrüsenlaborwerte verfälschen — vor einem Bluttest mindestens zwei bis drei Tage pausieren.

Die Entscheidung über eine T3-Supplementierung oder ein T4/T3-Kombinationspräparat liegt immer beim Arzt.

Im nächsten Teil geht es darum, was T3 mit deinem Gehirn, deiner ADHS-Diagnostik — und mit Östrogen und Progesteron zu tun hat. Denn die Schilddrüse arbeitet nie allein.

📖 Nächster Artikel dieser Serie: → T3, Gehirn & Hormone — ADHS, Östrogen, Progesteron
Denn die Schilddrüse arbeitet nie allein.
📚 Artikel-Serie: Mikronährstoffe & Hormone

Man weiß heute, dass bei der Einnahme von Antidepressiva, Neuroleptika, Cortison, der Pille, Blutdrucksenkern, Schilddrüsenmedikamenten und Anti-Diabetika der Körper zusätzliche Mikronährstoffe benötigen kann, damit ein Medikament optimal wirkt.

Weiterhin gibt es die Möglichkeit Mikronährstoffe gezielt einzusetzen, um Nebenwirkungen zu minimieren. Natürlich sollte dies immer mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden – bitte nie einfach auf Eigenregie, ohne Blutwerte, ohne ein Wissen über mögliche Wechselwirkungen, „etwas einschmeissen“.

Eine Frau Mitte fünfzig kommt zu mir. Sie nimmt seit Jahren Cholesterinsenker, fühlt sich aber zunehmend schlecht: diffuse Muskelschmerzen, Erschöpfung, das Gefühl, nicht mehr richtig denken zu können. Ihr Arzt hat alle Werte gecheckt – alles unauffällig. Seine Vermutung: vielleicht Depression, vielleicht Burnout – deshalb ist sie bei mir gelandet. Sie selbst glaubt das nicht, findet aber keine andere Erklärung dafür.

Was fehlt ihr? Coenzym Q10. Und das raubt ihr seit Jahren ihr Medikament.

Solche Geschichten höre ich regelmäßig — in meiner Praxis und in meinen Ausbildungskursen für Heilpraktiker für Psychotherapie. Das, was mich an diesem Thema so beschäftigt, ist nicht nur die Biochemie.

Es ist die Tatsache, dass Mikronährstoffmängel durch Medikamente häufig wie psychische Symptome aussehen: Erschöpfung, Stimmungstiefs, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, Körperschmerzen. Wer das nicht weiß, probiert nur die Symptome zu behandeln (oft erfolglos!), aber nicht die wirkliche, nicht-psychische Ursache.

Dieser Artikel gibt einen Überblick über die wichtigsten Wechselwirkungen. Er ersetzt keine ärztliche oder heilpraktische Beratung – soll aber helfen, die richtigen Fragen zu stellen.

Wie entstehen Wechselwirkungen?

Mikronährstoffe und Medikamente teilen sich oft dieselben Aufnahme-, Transport- und Stoffwechselwege im Körper. Transportproteine, Rezeptoren, Enzyme … alles greift im Körper ineinander.

Wenn zwei oder mehr Stoffe (ganz egal ob natürlichen oder chemischen Ursprungs) gleichzeitig unterwegs sind, kann es passieren dass ein Mikronährstoff die Aufnahme eines Medikaments blockiert – oder umgekehrt, ein Medikament einen Mikronährstoff verbraucht, verdrängt oder dessen Aufnahme dauerhaft hemmt, oder ein Mikronährstoff die Wirkung eines Medikaments verstärkt oder abschwächt.

Das passiert nicht immer dramatisch. Oft schleicht es sich ein – über Monate, manchmal Jahre. Und weil niemand fragt, bleibt es unentdeckt.


Statine — die stillen Q10-Räuber

Statine sind eine der meistverordneten Wirkstoffgruppen weltweit. Sie senken Cholesterin, aber sie hemmen dabei denselben Stoffwechselweg, über den der Körper Coenzym Q10 (CoQ10) produziert.

Q10 ist kein „Luxusnährstoff“ (auch wenn es teuer ist). Es ist ein zentrales Molekül in der Energieproduktion jeder Körperzelle – besonders in Muskel- und Herzmuskelzellen.

Ein Q10-Mangel macht sich bemerkbar durch: Muskelschmerzen und Muskelschwäche (die häufigste Nebenwirkung von Statinen, oft als „Myopathie“ bezeichnet), Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und im schlimmsten Fall kardiale (=Herz) Beschwerden.

Was viele nicht wissen: Diese Symptome werden häufig nicht mit dem Statin in Verbindung gebracht. Sie tauchen schleichend auf und werden als Alterungserscheinung oder psychische Belastung interpretiert. Ursache ist oft auch, dass das Statin schon über Jahre eingenommen wird und der Facharzt das Medikament vielleicht sogar gar nicht „auf dem Schirm“ hat.

Was hilft: Ubiquinol (mind. 100–300 mg täglich). Die fettlösliche Form Ubiquinol ist besser verfügbar als Ubiquinon und kann die statinbedingte Erschöpfung deutlich reduzieren. Eine Rücksprache mit dem Arzt ist sinnvoll – viele sind heute offen dafür.


Protonenpumpenhemmer: unterschätzte Langzeitfolgen

PPIs wie Omeprazol oder Pantoprazol gehören zu den am häufigsten eingenommenen Medikamenten überhaupt. Oft werden sie über Jahre weiter verschrieben, manchmal auch ohne dass die ursprüngliche Indikation geprüft wird.

Das Problem: Sie reduzieren die Magensäure stark. Und unsere Magensäure ist für die Aufnahme mehrerer Mikronährstoffe unverzichtbar.

Vitamin B12 wird aus der Nahrung nur mit ausreichend Magensäure freigesetzt. Ein B12-Mangel unter PPIs ist gut dokumentiert, und macht sich zunächst neurologisch bemerkbar: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Gedächtnisprobleme, depressive Verstimmung.

Magnesium: Chronische PPI-Einnahme ist mit Hypomagnesiämie assoziiert, mit Folgen für Nerven, Muskeln und Herzrhythmus. Calcium und Eisen werden ebenfalls schlechter aufgenommen.

Was hilft: Wer PPIs langfristig nimmt, sollte B12 regelmäßig kontrollieren lassen – und zwar als Holotranscobalamin, nicht als Standard-B12 im Serum, das oft noch normal ist, wenn der Zellspiegel längst abgefallen ist.


Blutdrucksenker und Diabetesmedikamente

ACE-Hemmer und Sartane (häufige Blutdrucksenker) können den Zinkspiegel langfristig senken. Zink ist wichtig für Immunfunktion, Wundheilung, Hormonregulation – und relevant für meine therapeutische Arbeit: für die Neurotransmittersynthese.

Metformin, das meistverordnete Diabetesmedikament, ist ein bekannter B12-Räuber — das steht sogar in den Nebenwirkungen! Bei Langzeiteinnahme sollte B12 regelmäßig als Holotranscobalamin kontrolliert werden. Leider hatte ich noch kaum eine Patientin, bei der das gemacht wurde – trotz schon vorhandener Mangelsymptome.

Ein schleichender B12-Mangel unter Metformin kann u.a. Burning Mouth aber auch periphere Neuropathien verursachen, die dann fälschlicherweise als diabetische Neuropathie interpretiert werden.

Diuretika (wassertreibende Mittel, oft bei Bluthochdruck) fördern die Ausscheidung von Magnesium, Kalium, Zink und B-Vitaminen. Magnesiummangel unter Diuretika ist häufig und äußert sich in Muskelkrämpfen, Schlafproblemen, Herzrhythmusstörungen — und Reizbarkeit.


Burning Mouth — wenn die Ursache körperlich ist

Das Burning-Mouth-Syndrom ist ein brennendes, manchmal schmerzhaftes Gefühl im Mund ohne sichtbare Ursache. Teilweise wird die Zunge auch rot (dann ist es klarer zu erkennen). Viele Ärzte untersuchen nur oberflächlich. Wird nix gefunden, stellt sich die Frage ob das womöglich psychosomatisch ist? Nein, meist überhaupt nicht!

Punkt 1) In vielen Fällen stecken Mikronährstoffmängel dahinter: insbesondere Eisen, Zink, B12, B2, B3, B6 und Folsäure. Und diese Mängel können wiederum medikamentenbedingt sein.

Punkt 2) In einzelnen Fällen kann auch ein Mangel an Intrinsic Faktor dazu führen, dass B12 nicht umgewandelt wird. Ursachen können u.a. eine Autoimmungastritis (Typ-A-Gastritis), Helicobacter-Pylori-Infektion und andere Schädigungen der Magenschleimhaut sowie eine seltene genetisch angeborene Störung sein.

Punkt 3) Es gibt noch weitere, wirklich wenig bekannte Ursachen, die dringend abgeklärt werden sollten: Beim sog. Mastzellaktivierungssyndrom wird Burning Mouth häufig durch die Ausschüttung von Botenstoffen aus den Mastzellen hervorgerufen — aber auch bei Pilzerkrankungen (Mundsoor) oder bakteriellen Fehlbesiedelungen kann es zu Mundbrennen kommen. Diese Erkrankungen können wiederum zu weiteren Mikronährstoffmängeln führen.

Wer unter Burning Mouth leidet, sollte gezielt Laborwerte machen lassen und auf Ursachenforschung gehen. Ich unterstütze dich dabei gerne.


Antidepressiva und SSRI: was der Körper zusätzlich braucht

Antidepressiva sind ein eigenes, sehr weites Thema. Die bekanntesten sind die SSRIs (Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer). Sie erhöhen den Serotoninspiegel im synaptischen Spalt – aber Serotonin muss erst gebildet werden: aus Tryptophan, mit Hilfe von Vitamin B6, Magnesium, Zink und Folat.

Ganz „hinten“ im Umwandlungsprozess kommt dann übrigens Melatonin raus. Und das benötigen wir, um schlafen zu können.

Fehlen diese Cofaktoren, wirkt das Medikament schlechter als es könnte. Einen ausführlichen Artikel dazu gibt es bei Vitamindoctor: Antidepressiva und Mikronährstoffe (keine Werbung).

Zusätzlich verändert die Einnahme von Antidepressiva selbst den Bedarf: Magnesium wird stärker verbraucht, B-Vitamine sind wichtig für die Neurotransmittersynthese, und ein Zinkmangel ist bei Depressionen häufig. Er wird durch manche Antidepressiva noch verstärkt.

Omega-3-Fettsäuren können die Wirksamkeit von Antidepressiva nachweislich verbessern – das sagt auch die Forschung.

Wichtiger Hinweis: Johanniskraut ist ein starker CYP3A4-Induktor und kann die Wirkung vieler Medikamente, darunter Antidepressiva, Pille und Schilddrüsenmedikamente, deutlich abschwächen. Das wird in der Selbstmedikation häufig unterschätzt.

Wenn du selbst unter Depressionen leidest oder dich fragst, ob eine psychotherapeutische Begleitung sinnvoll wäre – ich bin gerne für dich da.


Die Pille und andere Hormone

Orale Kontrazeptiva und Hormonpräparate gehören zu den bekanntesten Mikronährstoff-Räubern, aber das Wissen darüber ist erstaunlich wenig verbreitet. Folgende Mängel sind gut dokumentiert:

Folat (B9)
Vitamin B6
Vitamin B12
Magnesium
Zink
Vitamin C
Selen

Folsäuremangel unter der Pille ist klinisch relevant, besonders wenn Frauen nach dem Absetzen schwanger werden möchten. Auch eine optimale Einstellung der Schilddrüse ist hierfür übrigens sehr wichtig!

Aber auch ohne Schwangerschaftswunsch: B-Vitaminmangel unter der Pille kann sich in Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Erschöpfung und depressiven Episoden zeigen, und wird selten mit dem Verhütungsmittel in Verbindung gebracht.


Schilddrüsenmedikamente, ein Thema für sich

Levothyroxin (T4) ist eines der empfindlichsten Medikamente überhaupt, was die Einnahme betrifft. Es wird nur dann optimal aufgenommen, wenn es nüchtern und mit ausreichend Abstand zu Mahlzeiten – und vor allem zu bestimmten Mikronährstoffen – eingenommen wird.

Außerdem: Die meisten Menschen bekommen zur Behandlung reines T4. Der Körper muss das erst in das aktive T3 umwandeln. Funktioniert diese Umwandlung nicht gut, hat man weiter Symptome, obwohl die Laborwerte „normal“ aussehen. Mehr dazu im nächsten Artikel.

Morgens zum Kaffee? Bitte auf gar keinen Fall! Kaffee kann die Aufnahme des Schilddrüsenhormons um bis zu 30–50% reduzieren. Bitte mind. 30–60 Min. Abstand halten.

Folgende Stoffe hemmen die Aufnahme von Levothyroxin erheblich –mindestens zwei bis vier Stunden Abstand ist Pflicht:

Calcium (auch in Milch und calciumreichen Lebensmitteln)
Koffein und darin enthaltene Gerbstoffe
Eisen
Magnesium
Zink
Ballaststoffe in großen Mengen
Sojaprodukte
Cholestyramin (Gallensäurebinder)

Wer Cholestyramin einnimmt – zum Beispiel zur Gallensäurebindung, Ausleitung oder bei erhöhten Cholesterinwerten – muss auf ausreichenden Einnahmeabstand zu Schilddrüsenhormonen achten. Empfohlen werden mindestens vier bis sechs Stunden, zu anderen Medikamenten und Mikronährstoffen mindestens zwei.

Auch PPIs können die Schilddrüsenhormonaufnahme beeinflussen. Wer beides nimmt, sollte die Dosis regelmäßig kontrollieren lassen.

Wichtiger Hinweis zu Biotin: Hochdosiertes Biotin kann Schilddrüsenlaborwerte verfälschen. Vor einem Bluttest mindestens zwei bis drei Tage pausieren und das Labor informieren.

Antibiotika: Timing ist alles

Bestimmte Antibiotika, vor allem Tetracycline (z.B. Doxycyclin) und Fluorchinolone (z.B. Ciprofloxacin), bilden mit mehrwertigen Ionen unlösliche Komplexe. Das heißt, sie werden einfach nicht mehr aufgenommen, wenn man sie zusammen einnimmt mit:

Calcium (Milch, calciumhaltige Lebensmittel, Supplements)
Magnesium
Eisen
Zink
Aluminium- oder magnesiumhaltige Antazida

Die Folge: Das Antibiotikum wirkt nicht. Das klingt einfach, passiert aber häufig — weil niemand explizit darauf hinweist, dass ein Glas Milch oder Magnesium zum Antibiotikum die Therapie unterlaufen kann.

Faustregel: Mindestens zwei Stunden Abstand zwischen Antibiotikum und Mineralstoffsupplementen oder Milchprodukten.

Zusätzlich: Antibiotika verändern die Darmflora erheblich. Eine begleitende, persönlich abgestimmte und vor allem nachfolgende Probiotikagabe (über mehrere Wochen bis Monate) ist sinnvoll – mit mindestens zwei Stunden Abstand zum Antibiotikum.


Bentonit, Zeolith & Co.: wenn die Ausleitung zu viel mitnimmt

Viele Menschen greifen zu sogenannten „Bindern“ wie Bentonit, Zeolith oder ähnlichen mineralischen Adsorptionsmitteln zur Entgiftung oder Darmreinigung. Auch Kohle und Cholestyramin kommen dafür zum Einsatz (v.a. bei Pilzbehandlungen).

Was weniger bekannt ist: Diese Stoffe binden nicht nur Schadstoffe und Schwermetalle — sie binden auch Mikronährstoffe und Medikamente. Besonders kritisch ist: Sie können auch bereits resorbierte Substanzen aus dem Gewebe zurück in den Darm mobilisieren, was bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme problematisch werden kann.

Wer „Binder“ einnimmt, sollte deshalb
– einen großen zeitlichen Abstand zu allen Medikamenten einhalten:
mindestens zwei bis drei Stunden, bei Schilddrüsenhormonen eher mehr.
– Mikronährstoffe zeitlich vom „Binder“ getrennt einnehmen.
– Die Kur nicht dauerhaft durchführen, sondern nur in kürzeren Phasen.
– Regelmäßig Laborwerte kontrollieren, besonders Mineralstoffe und B-Vitamine.


Was bedeutet das für die Praxis?

Keine dieser Informationen ist ein Grund, Medikamente eigenmächtig abzusetzen oder zu verändern. Bitte besprich dies IMMER mit deinem Arzt! Aber es sind gute Gründe, genauer hinzuschauen und mit deinen Behandlern das Gespräch zu suchen.

Ich schaue mir die vollständige Medikamentenliste an, bevor ich Mikronährstoffe empfehle. Ich bitte dich auch meist darum, gezielt weitere Untersuchungen machen zu lassen. Generell sollte eine Supplementierung sich immer an Mängeln und Bedarf orientieren. Eine gute Supplementierung kann ein Medikament sinnvoll ergänzen, manchmal besser wirksam machen und auch unnötige Nebenwirkungen reduzieren.


Das war Teil 1 — die „klassischen“ Wechselwirkungen. In den nächsten Artikeln geht es um Themen, die in der Praxis mindestens genauso häufig auftauchen, aber kaum besprochen werden: warum so viele Frauen trotz Schilddrüsenmedikament weiter Symptome haben, ADHS-Medikamente und Vitamin C, was Menschen mit ADHS grundsätzlich brauchen, und Hormonersatztherapie in den Wechseljahren.


Wissenschaftliche Quellen

 

Gisela Schneider, MA, Logo
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